März 4

„What forms judgement when many of the steps that used to shape it are no longer necessary?“

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Diese Frage stammt von meinem Kollegen Jens Kaufmann. Er stellt sie in seinem Substack-Beitrag „The silent bullpen“. Seine Gedanken knüpfen an meine an und ich möchte sie noch etwas weiter denken.

Um meine Gedanken zu verstehen musst du wahrscheinlich den Text selbst lesen – und das empfehle ich dir wirklich wärmstens! Trotzdem ein wenig Kontext:

Jens Kaufmann ist Professor für Wirtschaftsinformatik, mit Schwerpunkt Data Science. Ausgangspunkt ist eine Sprechstunde, in der ihm ein Student das Exposé für seine Bachelorarbeit vorlegt. Es ist auf den Punkt, gut formuliert, methodisch sauber und offensichtlich mit generativer KI entstanden. Der Student geht damit ganz transparent um, kann zentrale Begriffe seines eigenen Textes aber nicht erklären. Sein Denken kann dem Ergebnis noch nicht folgen. Es fehlen die holprigen Zwischenstände, die in dieser Phase typisch sind und an denen man gemeinsam arbeiten könnte. Dieses fehlende Puzzlestück erinnert an eine Phase, die es in vielen Berufen gibt und die in amerikanischen Anwaltsserien „Bullpen“ heißt:

„A room filled with junior associates doing work that looks repetitive from the outside: reviewing documents, summarizing cases, preparing material that enables someone else’s strategy. The bullpen is loud, unglamorous, and slow.“

Genau – und was passiert, wenn der Produktivitäts-Hub plötzlich das ist, was erwartet wird. Ich fühle jetzt schon einen großen Druck, wenn ich mir „den Luxus erlaube“, mir Zeit zu nehmen um einen Text zu schreiben. Aus eigener Kraft.

„From the inside, it functions differently. Patterns become familiar. Language settles. Connections are formed, between ideas, but also between people who have spent long hours solving unglamorous problems together. Judgment grows gradually, often without anyone noticing when it started.“

Vor ein paar Tagen habe ich einen Text verfasst und ChatGPT gebeten, mir Feedback aus einer bestimmten Perspektive zu geben. Hängen geblieben bin ich bei einem Satz, den ich einfach nicht gut fand. Darüber haben wir „diskutiert“ – ich konnte lange den Finger nicht drauflegen, aber es war genau ein Wort, was den gesamten Ton des Abschnitts bestimmt hat. Während der „Diskussion“ mit ChatGPT (die mir als Schreib-Denkerin dafür dient, meine eigenen Gedanken sichtbar zu machen) habe ich mich gefragt: Wie lange werde ich das noch können? Den Finger auf genau das eine Wort zu legen, dass einfach nicht passt, wenn ich generative KI immer stärker dazu nutze um Texte zu schreiben.

Ob da mein Training schon ausreicht oder ob das aufhört, wenn ich meine Text- und Schreibmuskeln aufhöre zu verwenden.

„just a few years ago, many junior professionals still assumed their roles were indispensable. Then systems arrived that could already perform parts of that work. Perhaps today’s seniors are not as irreplaceable as they sometimes believe.“

Lassen wir das mit den „seniors“ mal weg (wo die Arbeitslosigkeit offenbar gerade drastisch steigt – super spezialisierte Leute, die sich bisher Jobs aussuchen konnten haben plötzlich eine neue Lebenswirklichkeit). Ich habe darüber auch schon nachgedacht: wenn die „Junior“-Positionen wegfallen – wie qualifiziert man dann die „Seniors“ überhaupt bzw. wie kommt man an die Erfahrung, die man für eine solche Position braucht? Das ändert ja das gesamte Ausbildungs-System.

„And we may only understand later what used to emerge there.“

Ja hierzu. Und ich hoffe, wir werden nicht zutiefst Bedauern, was wir aufgegeben haben. Für ein Versprechen, dass dieser Weg uns „mehr Zeit“ gibt. Denn das ist etwas, was nie wahr wird – zumindest, wenn ich mein eigenes und die Leben von vielen Menschen um mich herum betrachte.

Mehr Zeit bedeutet einfach nur: mehr Raum für noch mehr Arbeit, Ansprüche, Möglichkeiten, Weltverfügbar-machen.

Ist jetzt kein besonders hoffnungsvolles Ende eines Textes, der von einer unverbesserlichen Optimistin verfasst wurde… Was mich allerdings freut ist, dass es möglich ist, diese Gespräche zu führen!

Das halte ich für enorm wichtig. Denn wir befinden uns ja gemeinsam in diesem Wandel. Und mein Bild ist es, dass wir uns im Prinzip am Prozess nur „entlanghangeln“ können. Das Ende ist noch lange nicht abzusehen. Was für spannende Zeiten.

Bleib neugierig
Elske

Nachtrag November 2026: Weitergedacht habe ich diese Frage in „Prozess über Produkt: Was ich nicht an KI abgeben möchte“.


Titelbild: Foto von Petr auf Unsplash


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